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Historischer Kontext

Am 3. Oktober 1990 um null Uhr erklingt aus den Lautsprechern vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die Nationalhymne. An einem Fahnenmast wird, begleitet vom Läuten der Freiheitsglocke, eine riesige schwarz-rot-goldene Fahne gehisst. Dann erhellt ein Feuerwerk die Nacht. Die Menschen auf der Festmeile zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor jubeln - und es gibt genügend Gründe dafür. Fünfundvierzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein wiedervereintes, friedliches und demokratisches Deutschland entstanden, das von der überwältigenden Mehrheit seiner Bürger gewollt wird. Deutschland ist ein selbstverständlicher Teil Europas geworden und lebt mit allen seinen Nachbarn in Frieden. Dies alles war innerhalb eines einzigen Jahres mit Entschlossenheit, Vernunft und Augenmaß erreicht worden.

Dennoch drängen sich für die Bewohner der nun zur Geschichte gewordenen DDR zunehmend Alltagssorgen in den Vordergrund. Trotz Blasmusik und Bierbuden ist die Stimmung an diesem Abend eher nachdenklich. Während die Wiedervereinigung kaum Auswirkungen auf den Alltag der Westdeutschen hat, ändert sich für die Ostdeutschen fast alles. Zwischen Elbe und Oder markiert das Jahr 1990 den Beginn eines lange währenden Umbruchs. Denn schnell wird deutlich, dass die marode DDR-Wirtschaft der Konkurrenz aus dem Westen nicht gewachsen ist. Allerorten werden Betriebe geschlossen. Die Arbeitslosenquote steigt Ende der neunziger Jahre auf fast 20 Prozent. “Abwicklung” wird zum Unwort. Abgewickelt werden nicht nur ganze Industrien, sondern auch wissenschaftliche, kulturelle und soziale Einrichtungen. Die Treuhandanstalt wird zum Feindbild. Ihr Auftrag ist es, die Staats-betriebe zu privatisieren. Ihre Manager stammen überwiegend aus dem Westen. Sie stehen bald unter dem pauschalen Verdacht, die DDR-Wirtschaft im Auftrag westlicher Konkurrenten zu liquidieren. Im Westen, wie im Osten wachsen die wechselseitigen Ressentiments. In Abgrenzung zu den “Besser-Wessis” entwickeln viele Ostdeutsche eine nachträgliche DDR-Identität und geben ihre Stimme der PDS, die als Protestpartei des Ostens von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilt. Viele Westdeutsche blicken umgekehrt mit wachsender Distanz auf die “Jammer-Ossis”, beginnen doch die vielen Milliarden, die als Transferzahlungen in den Os-ten fließen, in den eigenen Städten und Gemeinden zu fehlen. Was zusammengehört, scheint nur schleppend zusammenzuwachsen.

In den Jahren nach der Jahrtausendwende wendet sich manches zum Besseren. Zudem wird das Bild von der DDR in der Wissenschaft und den Medien zunehmend differenzierter, so dass es fast schon scheint, als würden die alten Wunden verheilen.

Doch im Vorfeld des 30. Jahrestags der Friedlichen Revolution gehen die alten Debatten der neunziger Jahre in eine neue Runde: Plötzlich ist wieder von der Kolonisierung des Ostens, von einer strukturellen Benachteiligung der Ostdeutschen die Rede. Zugleich erwachen im Westen die alten Ost-Klischees, nachdem der neue, gesamtdeutsche Rechtspopulismus im Osten auf besonders starken Widerhall stößt. Die Geschichte der deutschen Einheit nach 1990 wird wieder stereotyp vor allem als Verlustgeschichte erzählt. Die Realität der DDR-Wirtschaft wird dabei zumeist ebenso ausgeblendet, wie die Lebensläufe jener Ostdeutschen, für die das Jahr 1990 - sei es auch mit Umwegen - zu einem Aufbruch geworden war. Es fehlt - in Ost wie in West - an Wissen sowie an einem unvoreingenommenen Diskurs über die Zeitgeschichte der deutschen Einheit nach 1990, der Klischees hinterfragt und nicht zuletzt im Westen ein Bewusstsein für das Ausmaß der Umbruchserfahrungen stiftet, die in der ostdeutschen Gesellschaft fortwirken.

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